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Manchester by the Sea

Die Jury der Evangelischen Filmarbeit hat für den Januar 2017  “Manchester by the Sea” zum Film des Monats ausgewählt.
Schnee schaufeln, Müll entsorgen, verstopfte Toiletten reinigen: Lee Chandler führt ein tristes, demütigendes Leben als Hausmeister in einer Stadt südlich von Boston. Er ist Single, seine Wohnung eine notdürftig möblierte, düstere Absteige. In Lees Seele sieht es ähnlich desolat aus. Der Mann wirkt in sich gekehrt , aber ein falsches Wort, ein falscher Blick können bei ihm unkontrollierbare Wut auslösen. Als sein herzkranker, geschiedener Bruder stirbt, muss Lee in seine Heimatgemeinde Manchester-by-the-Sea zurückkehren – er wurde zum Vormund seines Neffen bestellt. Während er zögernd den Nachlass ordnet und die Zukunft des 15-jährigen Patrick plant, steigen Erinnerungen in ihm auf: an bessere Tage, vor allem aber an ein schreckliches Unglück. Nach einem von Bier und Koks befeuerten Abend mit Freunden im eigenen Hobbykeller hat Lee fahrlässig ein Feuer verursacht, in dem seine drei Kinder gestorben sind; seine Ehe ist daran zerbrochen.
Mit ein bisschen Glück wäre in dieser Nacht vielleicht nichts passiert, und der von Kenneth Lonergan geschriebene und gedrehte Film hütet sich, seinen Protagonisten als Schuldigen zu brandmarken. Mit unerschütterlicher Empathie folgt die Kamera dem in Verzweiflung erstarrten Helden bei seinen Besorgungen und Gängen durch das winterliche, kleinbürgerliche Manchester. Der Film ist nicht hoffnungslos; feinfühlig und geduldig registriert er Grade der Trauer und Verlorenheit – in den alltagsnahen, aber pointierten Dialogen, in der Art, wie die Menschen sich in ihren Häusern einrichten. Das soziale Netz funktioniert hier noch, man hilft einander; Lee und sein Neffe kriechen durch Streit und Missverständnisse zentimeterweise aufeinander zu, und Lees Frau ist zur Vergebung fähig. Sich selbst vergeben wird Lee indes nicht, er wird auch in Manchester keine Heimat mehr finden. Selten hat ein Film so umsichtig und anrührend diese bittere Tatsache des Lebens beschrieben: Es gibt Erfahrungen, die sich nicht wegtherapieren, und Geschehnisse, die sich nicht wiedergutmachen lassen.

 
Die Jury der Evangelischen Filmarbeit ist ein unabhängiges Gremium. Evangelische Werke, Verbände und Einrichtungen benennen in vierjährigem Turnus die acht Mitglieder der Jury. Sie erfüllt ihren Auftrag im Rahmen des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik gGmbh. Sie hat bis heute über 750 Spiel- und lange Dokumentarfilme als Filme des Monats ausgezeichnet, die sich durch ihre herausragende Qualität zur Diskussion anbieten und Impulse zu verantwortlichem Handeln geben. Sie setzt damit Maßstäbe für eine anspruchsvolle Bewertung des jeweils aktuellen Kinoangebots. Die Jury zeichnet Filme aus, die dem Zusammenleben der Menschen dienen, zur Überprüfung eigener Positionen, zur Wahrnehmung mitmenschlicher Verantwortung und zur Orientierung an der biblischen Botschaft beitragen. Sie berücksichtigt dabei die filmästhetische Gestaltung, den ethischen Gehalt und die thematische Bedeutsamkeit des Films. Keiner dieser Aspekte darf allein Ausschlag gebend sein; sie sollen vielmehr in ihrer wechselseitigen Beziehung bewertet werden. Zur Nominierung eines jeden Films veröffentlicht die Jury eine Begründung, die auch im Internet abgerufen werden kann (www.filmdesmonats.de).
 

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