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ReligionslehrerInnenbefragung: Auswertung der Studie

Wie schätzen Religionslehrerinnen und -lehrer die gegenwärtige Situation des Religionsunterrichts ein? Wie ist ihre Haltung zu interkonfessionellen und interreligiösen Kooperationen bzw. zu einem Religionsunterricht, der Konfessions- oder gar Religionsgrenzen übersteigen will? Was gehört für sie zu einem qualitätsvollen, zukunftsfähigen Religionsunterricht?
Das waren nur einige der Fragen, die Religionspädagogen der Universitäten Wien und Wuppertal rund 1.100 evangelischen Religionslehrerinnen und -lehrern aller Schulformen im Rahmen einer Befragung 2013 im Auftrag der rheinischen Landeskirche gestellt hatten.
Ausgewertet und interpretiert wurde das umfangreiche Datenmaterial in den religionspädagogischen Instituten der Universitäten Wien (Prof. Dr. Martin Rothgangel, Dr. Philipp Klutz) und Wuppertal (Prof. Dr. Christhard Lück).

Stellten die Studie über Religionsunterricht vor (v.l.): Oberkirchenrat Eberl, Professorin Baumann sowie aus Wien Professor Rothgangel und Dr. Klutz

Rheinische Religionslehrkräfte heben die Schülerinnen und Schüler als wichtigste Bezugsgröße des Religionsunterrichts hervor und stellen diese in das Zentrum ihrer religionsdidaktischen Tätigkeit. Daneben orientieren sie sich stark an ihrem Gewissen und an der Bibel als Basisdokument des christlichen Glaubens. Oft unterrichten sie Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedlicher Konfessions- und Religionszugehörigkeiten und – in wachsendem Maße – auch solche ohne Mitgliedschaft bei der evangelischen Kirche.
Die konfessionellen Wurzeln des evangelischen Religionsunterrichts werden von den Befragten überwiegend bejaht. „Zugleich zeigen sie sich sehr kooperationsfreudig und ihre Kooperationswünsche sind hoch“, sagt der Wuppertaler Religionspädagoge Prof. Christhard Lück. Die befragten Lehrkräfte nannten eine Reihe von Zielvorstellungen, mit denen sie sich und ihr Fach zur Schule und Gesellschaft in Beziehung setzen. Mit ihren katholischen Fachkolleginnen und -kollegen stehen sie häufig in einem engen kommunikativen Austausch und wünschen sich eine Verstärkung des interkonfessionellen und interreligiösen Lernens.
„Für den zukünftigen Religionsunterricht suchen sie in der überwiegenden Mehrzahl Wege jenseits der Alternativen von konfessionalistischer Enge und religionskundlicher Orientierung in der Verantwortung des Staates“, so Prof. Lück. Vor diesem Hintergrund gelte es für die Zukunft, qualifizierte Modelle eines konfessionell-kooperativen und interreligiösen Lernens fortzuentwickeln. Die Förderung einer entsprechenden Religionsdidaktik durch die universitäre Religionspädagogik sei wünschenswert.
Projektleiter Professor Martin Rothgangel vom Institut für Religionspädagogik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, strich heraus, dass die Antworten der Lehrerinnen und Lehrer auf beeindruckende Weise die Kinder in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Arbeit stellten. „Ihr Ziel ist es, den christlichen Glauben bewusst in die Lebenszusammenhänge der Kinder zu setzen. Damit kommt ein urkirchliches Anliegen zum Ausdruck.“

Fragen an Prof. Dr. Christhard Lück (Wuppertal)

Was gehört für Sie zu den auffälligsten Ergebnissen der Umfrage?

Prof. Dr. Christhard Lück

Mit großem Abstand heben die Befragten die Schülerinnen und Schüler als wichtigste Bezugsgröße des Religionsunterrichts hervor und stellen diese in das Zentrum ihrer religionsdidaktischen Tätigkeit. In keinem anderen Fragepunkt sind sich sie so sicher und so einig wie bei der Wichtigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler! Diese sollen als mündige Subjekte im Bereich des religiösen Lernens unbedingt wahr- und ernst genommen werden. Die Lehrenden vertreten einen Religionsunterricht, der die Lebensfragen, Themen und Erfahrungen der Heranwachsenden grundlegend berücksichtigt und ihnen zugleich Orientierungsangebote aus dem biblisch-christlichen Glauben heraus anbietet.

Welche Bezugsgrößen des Faches sind den Befragten zudem wichtig?

Das eigene Gewissen und die Bibel als Basisdokument des christlichen Glaubens! Auch eigene Ideale und Visionen sowie eine Berufung sind für die Religionslehrenden wichtiger als etwa staatliche oder amtskirchliche Bezugsgruppen des Religionsunterrichts. Mehrheitlich teilen die Befragten die Überzeugung, dass das Fach Religion seine Daseinsberechtigung „weder von der Kirche her noch aufgrund staatlicher Interessen, sondern von den Kindern und Jugendlichen her“ (Friedrich Schweitzer) hat.

In der gesellschaftlichen und kirchlichen Öffentlichkeit werden sehr verschiedenartige Zielsetzungen mit dem Religionsunterricht in Verbindung gebracht. Welche Ziele verfolgen die Lehrenden?

Die Befragten benennen ein breites Spektrum an Zielsetzungen, mit denen sie sich und ihr Fach zum pluralen Kontext in Schule und Gesellschaft in Beziehung setzen. Vier Zieldimensionen stellen sie für einen Religionsunterricht im 21. Jahrhundert als zentral heraus: Anleitung zu Toleranz, Empathie und Offenheit in weltanschaulichen und religiösen Fragen, Förderung der Theologie der Schülerinnen und Schüler, Suche nach Gott im eigenen Leben bzw. Alltag sowie Einführung in die eigene Religion und in andere Religionen und Weltanschauungen. Die allermeisten Befragten wollen in ihrem Unterricht „den christlichen Glauben mit menschlichen Fragen und Erfahrungen in Beziehung setzen“ und „über Themen sprechen, die Kinder / Jugendliche wirklich etwas angehen“.

Welches Ansehen hat der Religionsunterricht an den Schulen und von wem wird er besucht?

Nach der Einschätzung der Lehrkräfte besitzt der Religionsunterricht ein relativ hohes Ansehen an Grundschulen und Förderschulen. Eine „eher hohe“ Bedeutung habe „Reli“ aber im Durchschnitt auch an Gymnasien, Realschulen und Berufskollegs, eine „eher niedrige“ an Gesamtschulen und Hauptschulen. Insgesamt variieren die Rahmenbedingungen für den Religionsunterricht an den einzelnen Schulformen und Schulen zum Teil erheblich. Religionslehrkräfte unterrichten Schülerinnen und Schüler fast aller Konfessions- und Religionszugehörigkeiten und – in wachsendem Maße – auch solche ohne Mitgliedschaft bei der evangelischen Kirche. Die Schülerzusammensetzungen im Religionsunterricht stellen sich vielerorts zunehmend heterogen bzw. plural dar.

Wie ist das Verhältnis der Befragten zur evangelischen Kirche?

Die Lehrenden bewerten Bezugsinstanzen aus dem Bereich der institutionalisierten Kirche und der Kirchengemeinde alles andere als einheitlich. Jeweils über zwei Drittel halten die kirchliche Vokation und die Bindung an eine Kirchengemeinde für „sehr wichtig“, „wichtig“ oder „teils wichtig“. Dieses Ergebnis deutet im Vergleich zu Befunden aus den 1980er Jahren, die eine deutliche Kirchenferne der protestantischen Religionslehrerschaft konstatierten, auf ein mehrheitlich offenes und symbiotischentspanntes Verhältnis der Befragten zur evangelischen Kirche hin – wobei nicht zu übersehen ist, dass mehr als jede zehnte Lehrkraft die genannten Aspekte als „gar nicht wichtig“ einstuft.

Wie ist die Zusammenarbeit von evangelischen Religionslehrkräften mit Lehrenden aus den Parallelfächern katholische Religion, islamische Religion und (Praktische) Philosophie / Ethik?

Evangelische Lehrkräfte stehen mit ihren katholischen Fachkollegen oftmals in einem starken Kommunikationsaustausch und Beziehungszusammenhang. Vielfach genutzte Kooperationsformen sind der Austausch von Unterrichtsideen (61,7%), die Planung und Durchführung ökumenischer Schulgottesdienste (60,1%), die wechselseitige Verwendung von Arbeitsmaterialien und Schulbüchern
(55,4%) sowie konkrete thematische Absprachen zwischen den Lehrkräften (45,2%). Eine Zusammenarbeit im Religionsunterricht selbst, wie die Durchführung gemeinsamer, zeitlich begrenzter Unterrichtsphasen (18,0%) oder die Einladung der katholischen Fachkollegen in den eigenen Unterricht (11,0%), werden deutlich seltener realisiert. Ausbaufähig und -bedürftig sind zudem die Kooperationen mit den anderen Parallelfächern (Praktische) Philosophie / Ethik und islamische Religion.

Wie ist ihre Haltung zu interkonfessionellen und interreligiösen Kooperationen?

Die Befragten befürworten mehrheitlich die Beibehaltung des Konfessionalitätsprinzips bei gleichzeitiger Forderung nach einer deutlichen Verstärkung interkonfessioneller und interreligiöser Kooperationen. Trotz des weitgehenden Ausfalls einer familiären und gemeindlichen religiösen Sozialisation verstehen sich sie in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht als Missionare in einem säkularen Schulumfeld (9,1%). Sie votieren im Gegenteil für eine Intensivierung ökumenischen (70,8%) und interreligiösen (54,8%) Lernens und für entsprechende institutionell verbindliche Kooperationen. Die konfessionellen Wurzeln des evangelischen Religionsunterrichts werden von den Befragten gleichwohl bejaht. Die Lehrkräfte unterstützen mehrheitlich die für das konfessionelle Modell charakteristische „Option, eine bestimmte religiöse Tradition (die im katholischen oder evangelischen Religionsunterricht eben eine andere ist als im jüdischen oder muslimischen) als wesentliche Ressource
für die Anregung religiöser Bildungsprozesse zu begreifen“ (Rudolf Englert). Jede/r zweite Befragte kann sich zugleich die religiöse Unterweisung von Schülerinnen und Schülern verschiedener christlicher Konfessionen in ökumenischer Zusammenarbeit grundsätzlich vorstellen.

Welches RU-Modell halten die Lehrkräfte für am zukunftstauglichsten?

Die Befragten präferieren in der überwiegenden Mehrzahl RU-Modelle jenseits der Alternativen von konfessionalistischer Enge und religionskundlicher Orientierung in der Verantwortung des Staates. Am stärksten stimmen sie einem konfessionell-kooperativen Religionsunterricht (33,0%) zu, gefolgt von den Modellen eines konfessionellen (31,1%) oder interreligiösen Religionsunterrichts in kooperativer
Verantwortung und Durchführung (19,2%). Ein allgemeiner Religionsunterricht ohne Anbindung an irgendeine Kirche oder Religionsgemeinschaft verfügt über eine deutlich geringere Anhängerschaft (4,9%). Anders als zuweilen behauptet, tritt für eine sogenannte „(Selbst-)LERisierung“ des Faches Religion nur eine Minorität der Befragten ein. Fast jede/r vierte Befragte setzt sich gleichwohl für nichtkonfessionelle Formen schulisch-religiösen Lernens ein.

Unterscheiden sich Religionslehrkräfte an verschiedenen Schulformen sowie jüngere und ältere bzw.
männliche und weibliche Probanden in der Beantwortung dieser Frage?

Bei der Frage nach der Form des Religionsunterrichts waren – wie fast in der gesamten Umfrage – interessanterweise kaum alters- oder geschlechtsbezogene, dafür umso mehr schulformspezifische Differenzen zu konstatieren. So treten Gymnasial- und Realschullehrerinnen und -lehrer z.B. besonders häufig für einen konfessionell getrennten Religionsunterricht ein, während Lehrkräfte an Berufskollegs mehrheitlich das Modell eines interreligiösen Religionsunterrichts präferieren. Diese Umfrageergebnisse unterstützen die Einsicht, dass bei der Erörterung der Konfessionalitätsfrage die divergierenden Voraussetzungen an den unterschiedlichen Schulformen – und die Optionen derjenigen, die das Fach
jeweils ‚vor Ort‘ unterrichten – stärker als bisher berücksichtigen werden sollten. Das auch sonst zunehmend schulreformerische Bemühungen prägende Wechselspiel zwischen Integration und Differenzierung ist für den Religionsunterricht aufzunehmen.

Wie ordnen Sie die Umfrageergebnisse religionsdidaktisch ein?

Die Befunde zeichnen insgesamt das Bild einer mehrheitlich hoch motivierten, selbstbewussten evangelischen Religionslehrerschaft. Diese begreift den Religionsunterricht als große Chance für heutige Kinder und Jugendliche und wichtiges schulisches Bildungsangebot, das grundlegende Beiträge zu ihrer religiösen Orientierung, Persönlichkeitsbildung und Pluralitätsfähigkeit leistet. Die Befragten bekräftigen angesichts dessen die Bedeutung eines seiner konfessionellen Bindung treu bleibenden, ökumenisch und interreligiös geöffneten Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen, der durch andere auf Religion und Werte bezogene Fächer zwar ergänzt, aber nicht substituiert werden kann. Insgesamt wünschen sich die Religionslehrenden von den Kirchen die Freiheit, in religionspädagogischer Eigenverantwortung vor Ort selbst entscheiden zu können, welche Form von Religionsunterricht an ihrer Schule jeweils die geeignetste ist. Dass sie bei diesem Entscheidungsprozess ‚nicht das Kind mit dem Bade ausschütten‘ (wollen), sondern mehrheitlich hinter dem kirchlich mit verantworteten
Religionsunterricht des Grundgesetzes stehen, kommt in der Umfrage eindrücklich zum Ausdruck.
Mit ihren Voten haben rheinische Religionslehrkräfte „den Bummelzug kirchenamtlicher Absprachen“ (Günter Böhm) im Hinblick auf den Religionsunterricht längst überholt. Institutionell verbindliche Kooperationen auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben, ist fahrlässig und wird auch der Sache des Religionsunterrichts weder theologisch noch pädagogisch gerecht. Erfreulicherweise öffnen sich angesichts der Unterrichtsrealität die katholischen Bischöfe mittlerweile zumindest dem Anliegen eines (begrenzten) konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts. In ihrer Verlautbarung „Der Religionsunterricht vor neuen Herausforderungen“ (2005) wird die „phasenweise und didaktisch reflektierte Kooperation mit dem evangelischen Religionsunterricht“ etwa als möglicher „Gewinn für beide Unterrichtsfächer“ bezeichnet. Der nächste aus didaktischer und organisatorischer Sicht wichtige Schritt ist dann – wie auch von der neuen EKD-Denkschrift „Religiöse Orientierung gewinnen. Evangelischer Religionsunterricht als Beitrag zu einer pluralitätsfähigen Schule“ hervorgehoben wird – die Integration auch andersreligiöser Kinder und Jugendlicher.

hier das Interview bei ekir.de als pdf

Weitere Informationen zur Studie gibt es hier:

Der WDR5 berichtet in der Sendung Diesseits von Eden am 07.12.2014:  Evangelischer Religionsunterricht auf dem Prüfstand (Minute 0:58-06:20) :

3 Antworten auf „ReligionslehrerInnenbefragung: Auswertung der Studie“

Ich finde die Religionslehrerbefragung sehr beachtenswert. Sie zeigt, dass der RU kein “Mauerblümchendasein” abgibt, sondern unaufgebbar wichtig ist. Ich habe vor, manchens davon auch in den künftigen Elternabenden vorzustellen um Eltern (wieder) neu für die Relevanz dieses Fach zu gewinnen.
Ein herzliches DANKE allen, die daran mitgewirkt haben!

Das abgebildete Balkendiagramm scheint die Vermutung zu äußern, dass “Gewissen” und “Bibel” eine Person oder Personengruppe sind. Im Original steht die komplette Frage: “Wie wichtig sind für Sie als Religionslehrer/in folgende Personen (-gruppen), Instanzen und Institutionen?”

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