Ruth Ziemer arbeitet an der Universität Erfurt und hält dort ein religionspädagogisches Einführungsseminar. Im laufenden Semester ist dies ein Online-Seminar in Kombination mit drei Präsenzveranstaltungen in der Uni. Frank Wessel hat sie interviewt.

Ruth, wie bist Du auf diese Idee gekommen?
rpi-virtuell und blended-learning setze ich ja bereits in der Schule ein und bin begeistert von dieser Art zu lernen. An der Uni ist Online-Lernen in Religion mein Forschungsschwerpunkt. Deswegen liegt es nahe, das religionspädagogische Einführungsseminar als Online-Seminar zu gestalten. Außerdem ersparen sich alle Beteiligten auch einige Fahrtzeiten… 😉
Für wen ist das Seminar gedacht?
Das Seminar richtet sich überwiegend an Lehramtstudierende, gewinnt jedoch zunehmend auch Studentinnen und Studenten anderer Fachbereiche (z.B. Rechts-, Geschichts-, Kommunikationswissenschaften), die Ev. Theologie im Nebenfach studieren. Inhaltlich parallel zum Online-Seminar bieten zwei Kolleginnen ein Seminar mit denselben Inhalten als Präsenzveranstaltung an. Die Studierenden konnten also zwischen einem Präsenz- und einem Online-Seminar auswählen. Alle Teilnehmenden des Online-Seminars haben sich bewusst für diese Form entschieden. Daher gibt es eine hohe Motivation, sich im Online-Seminar zu beteiligen.
Läuft das Seminar ausschließlich online?

Gestaltungsaufgabe in der Checkliste der Seminareinheit „Religion als ordentliches Unterrichtsfach mit besonderem Anspruch“


Es gibt drei Präsenzveranstaltungen, die über das Semester verteilt sind. Am Anfang gibt es ein Präsenzseminar zur Einführung in die Plattform rpi-virtuell und die Arbeit im virtuellen Seminarraum. Die zweite und dritte Live-Begegnung habe ich von neuen Inhalten und technischen Übungen frei gehalten. Hier ist Platz, den intensiven Online-Prozess zu reflektieren und weiterzuführen. Vor allem ist es für die Beziehungsebene der Seminargruppe wichtig, sich als Personen live zu begegnen. In den Zeiten dazwischen arbeiten wir ausschließlich im virtuellen Seminarraum. Im Abstand von sieben bis zehn Tagen (je nachdem wie die Feiertage liegen) stelle ich neue Materialien in den Seminarraum ein. Die Teilnehmenden erhalten eine Checkliste für jede Einheit und im Forum eröffne ich dazu einen Diskussionsstrang. Während der ganzen Zeit führen die Studierenden ein persönliches Seminar-Portfolio. Das Portfolio dient wie ein Lerntagebuch der Dokumentation und Reflexion der Lernprozesse.
Wie hältst du die Studienmotivation über mehrere Wochen aufrecht?
Zu drei religionspädagogischen Schwerpunkten habe ich Experten in unseren virtuellen Seminarraum eingeladen. Diese Experten begleiten jeweils eine Woche lang eine Forendiskussion mit den Studierenden. So ein Highlight setzt einen besonderen Akzent und hilft, die Spannung über einen langen Zeitraum aufrecht zu halten. Das ist doch toll, wenn ich den Autor eines Buches oder eine Doktorandin zum Thema im Forum treffen kann! Außerdem lebt ein Online-Seminar wie andere Bildungsangebote von einem Wechsel der Medien und Arbeitsimpulse.
In welcher Form wird das Engagement der Teilnehmenden anerkannt?

Ein Flyer als Ergebnis der Gestaltungsaufgabe


Die Teilnahme am Seminar wird uni-üblich bewertet. Weil es ja sehr verschiedene Möglichkeiten zur Aktivität in diesem Blended-Learning-Setting gibt gehen die öffentlichen Aktivitäten und das Seminarportfolio zu jeweils 50 % in die Bewertung ein. Zwischendurch gebe ich den Studierenden eine qualifizierte Rückmeldung per Mail. Anerkennung erhalten die Seminarteilnehmenden jedoch nicht nur von der Seminarleitung. Während des ganzen eLearning-Prozesses geben sich die Studierenden gegenseitig qualifizierte Rückmeldungen im Forum.
Welche Rückmeldungen hast Du bisher bekommen?
Die Schluss-Evaluation ergab, dass dieses Seminar äußerst arbeitsintensiv war, aber mit hohem Gewinn für die Studierenden. Die Reflexion der Materialien auf drei Ebenen: im Forum, im Seminar-Portfolio und live regte eine starke eigene Auseinandersetzung mit religionspädagogischen Grundfragen und aktuellen Themen der religionspädagogischen Diskussion an. Das konstruktive Arbeitsklima lebte vor allem von der sehr persönlichen Atmosphäre im Seminar. Die sozialen Umgangsformen im Netz (Netikette) wurden von den Studierenden sehr ernst genommen. Besonders wertvoll war für die Studierenden die Erfahrung des intensiven kooperativen Lernens. Studienanfänger und Studierende höherer Semester ließen sich gleichermaßen aufeinander ein. Die schönste Rückmeldung bekam ich von einer Studentin, die in allen bisherigen Seminaren sehr zurückhaltend war und sich hier endlich wagte, mit eigenen Beiträgen einzubringen.
Dein vorläufiges Resümee?
Für mich ist die Moderation eines solchen Online-Seminars zugleich kräftezehrend und von enormem Gewinn: Kräftezehrend ist der große Zeitaufwand. Jede Woche müssen Materialien und Aufgaben bereitgestellt werden, die eine eigenständige Erarbeitung und Reflexion der Studierenden ermöglichen. Parallel verfolge ich täglich die Diskussionen in den Foren und bin mit einzelnen Studierenden in persönlichem Kontakt. Manche Studierende bedürfen auch motivierender Unterstützung, weil Online-Lernen sehr viel Eigenaktivität verlangt. Es wäre entlastend und bereichernd, so ein Online-Seminar gemeinsam mit anderen Lernbegleitern zu betreuen. Vielleicht kann ich ja künftig Absolventen dieses Seminars für diese Aufgabe gewinnen. Zugleich erlebe ich das Seminar als enormen Gewinn. Ich freue ich mich über die Tiefe der Auseinandersetzungen und die kontinuierliche Beteiligung. Staunend nehme ich wahr, wie eine Gestaltungsaufgabe zu Metareflexionen im Forum führt:

Reflexion im Forum

Danke dir herzlich für das Interview und den Einblick in deine Arbeit!

Das Interview führte Frank Wessel.

Kategorien: Medien

2 Kommentare

thomas nolte · 24. Oktober 2011 um 21:04

Der Abschnitt “Für wen ist das Seminar gedacht?” kommt doppelt vor! Bitte einmal entfernen!

    Jörg Lohrer · 25. Oktober 2011 um 8:46

    Ist korrigiert. Danke für den Hinweis!

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