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Bizarre Ideen, derbe Polemik: Kirchenkritiker machen mobil

Die Stiftung, gegründet vor einigen Jahren im Hunsrück, versteht sich als “Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung”. Innerhalb kurzer Zeit hat sie erstaunlich an Einfluss gewinnen können und sich geschickt positioniert. Zahlreiche religionskritische Initiativen mit zum Teil derber Polemik wurden hier erdacht – so zum Beispiel die Aktion “Glaubst du noch oder denkst du schon?” oder die bizarre Idee zur Umwandlung des Feiertages Christi Himmelfahrt in einen “Evolutionstag”. Auch unterstützt die Gruppierung die atheistische Buskampagne unter dem Motto “Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott”.
In letzter Zeit konnte die Gruppierung auch an politischem Einfluss gewinnen. So wurde die aktuelle Diskussion um die Staatsleistungen an die Kirchen ebenfalls von dieser Stiftung angestoßen und finanziert. Carsten Frerk, Autor des viel diskutierten “Violettbuches Kirchenfinanzen”, ist zugleich Kurator der Giordano-Bruno-Stiftung. Im Rahmen einer Kampagne wurden Ende vergangenen Jahres Exemplare des Buches an hunderte politische Entscheidungsträger und Journalisten verschickt.
Derzeit hat die Stiftung mehr als 2.500 Fördermitglieder. Das ist auf den ersten Blick nicht viel. Was hier zählt, ist jedoch weniger die Zahl der Unterstützer als vielmehr deren politischer Einfluss. So hat vor einiger Zeit Ingrid Matthäus-Maier, viele Jahre stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, ihre Mitarbeit erklärt. Über sie laufen die Bemühungen, einen sogenannten “Laizistischen Arbeitskreis in der SPD” zu gründen. Vorerst hat der SPD-Parteivorstand dieses Ansinnen abgelehnt. Aber was nicht ist, kann Dank reger Kontaktpflege ja noch werden.
Um den Einfluss weiter auszubauen, forciert die Stiftung die Gründung von Regionalgruppen. In der Schweiz und in Österreich wurden bereits Ableger gründet. Die wichtige Imagebroschüre unter dem Titel “Aufklärung im 21. Jahrhundert” gibt es inzwischen auch in Englisch. Bundesweit konnten zahlreiche Regionalgruppen angestoßen werden. So wird zum Beispiel in Thüringen derzeit die Gründung einer Gruppe im Raum Erfurt-Weimar-Jena vorbereitet.
Hier will man sich mit kritischer “Begleitmusik” vor allem auf den Papstbesuch im Herbst einstellen. Wie schon bei vergleichbaren Anlässen in früheren Jahren wird die Stiftung sogenannte “religionsfreie Zonen” ausrufen und keck mitteilen, dass man mit dem Papst und überhaupt mit aller Religion nichts zu tun haben möchte. Da der Papst Ende September auch Berlin besucht, teilt die Stiftung schon jetzt in ihrem Newsletter mit: “Wir werden es nicht versäumen, den deutschen Papst gebührend zu empfangen.” Man kann also auf atheistische Überraschungen gespannt sein.
Beteiligt ist die Bruno-Stiftung auch am sogenannten Jahr des Kirchenaustritts, welches mehrere kirchenkritische Organisationen am 11. November 2010 ausgerufen haben. Unter dem Motto “Mehr Netto, mehr Freiheit, mehr Solidarität!” will man Menschen zum Kirchenaustritt ermuntern. Damit Kirchenaustrittswillige diesen Schritt auch guten Gewissens machen können, wird ausdrücklich empfohlen, das so eingesparte Geld an soziale Organisationen zu spenden.
Auch in Sachsen stellen sich Kirchenkritiker in diesen Tagen neu auf. Hier ist es der Kirchentag im Juni, der zu Widerspruch reizt. Daher wurde ein Verein mit dem Namen “GeFAHR e.V. – Gesellschaft zur Förderung von Aufklärung, Humanismus und Religionsfreiheit” gegründet, der ebenfalls in das Umfeld der Giordano-Bruno-Stiftung gehört. Dieser Verein breitet eine Petition vor, mit welcher gegen die staatliche Förderung des Dresdner Kirchentages protestiert werden soll. Dazu muss man wissen, dass die gewaltigen Kosten eines Kirchentags zu einem Teil vom Staat getragen werden. So stellt das Land Sachsen fünf Millionen Euro bereit, die Stadt Dresden weitere zwei Millionen. Das ist legitim.
In ganz Deutschland werden Großereignisse wie Kultur-, Film- und Musikfestivals finanziell gefördert. Hintergrund ist die Überlegung, dass Kirchentagsteilnehmer mit Übernachtungen, Einkäufen und Restaurantbesuchen auch viel Geld in die städtischen Kassen bringen. Dennoch polemisieren kirchenkritische Gruppen immer wieder gegen diese Unterstützung. In der Petition, die an den Dresdner Stadtrat und den sächsischen Landtag adressiert ist, heißt es: “Keine Steuergelder für Mission!” Die Politiker werden aufgefordert, zu verhindern, dass Steuergelder für den Kirchentag Verwendung finden.
Alles in allem zeigen diese Bemühungen, dass die kirchenkritischen Organisationen sich geschickt organisieren und Highlights des kirchlichen Lebens findig für sich nutzbar machen. Zwar haben sie nicht viele Mitglieder, aber Fernsehen und Rundfunk greifen im Kontext von Großereignissen wie dem Papstbesuch oder einem Kirchentag gern auf diese Kritiker zurück, um “mal eine andere Stimme” zu Wort kommen zu lassen.
Oft fehlt dann die nötige Differenzierung. Denn wer je einen Kirchentag besucht hat, weiß, dass das keine Missionsveranstaltung ist. Ähnlich ist es mit dem Papstbesuch. Selbstverständlich ist Kritik möglich, auch die katholische Kirche nicht außerhalb. Aber ein Mindestmaß an Achtung vor der religiösen beziehungsweise weltanschaulichen Haltung des anderen tut gut. Beiden Seiten.
Dr. Andreas Fincke ist Pfarrer und promovierter Theologe. Er war von 1992 bis 2007 wissenschaftlicher Referent an der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), dann theologischer Referent für Grundsatzfragen im Konsistorium der EKBO. 2008 bis 2010 war er persönlicher Referent des Berliner Senators für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen zu Religions- und Weltanschauungsfragen.
Quelle: www.contentpool.evangelisch.de

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