Informationen über eine Studie des
Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. (KFN) sorgen derzeit für Diskussion. Bei einem gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesinnenministeriums und des KFN im Jahr 2007/2008 wurden 45.000
SchülerInnen der neunten Jahrgangsstufe befragt.
Auswertungen sollen auf eine höhere Gewaltbereitschaft von islamischen Jugendlichen mit hoher religiöser Überzeugung hinweisen. 

Während junge Christen mit steigender Religiosität weniger Gewalttaten
begehen, soll bei jungen, männlichen Muslimen das Gegenteil der Fall sein.
Die Ergebnisse basieren auf der Erhebung von 2007/2008 und sind noch nicht  publiziert. Die Studie selbst ist deskriptiv, die Daten lassen sich verknüpfen, belegen aber keine ursächlichen Zusammenhänge.

Presseberichte

Unter dem reißerischen Titel "Die Faust zum Gebet" und mit Erinnerungen an gewalttätigen Filmszene veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung in der Wochenendausgabe vom 5./6. Juni eine Vorschau auf die Ergebnisse.
Im Folgenden wird dann mehr differenziert. In der Printausgabe werden in einer Grafik folgende Zahlen gegenüber gestellt:
"So viel Prozent der Befragten haben in den vergangenen 12 Monaten mehr als fünf Gewalttaten begangen":
– christliche Jugendliche: 7,7% der nicht religiösen im Vergleich zu 4,3% der sehr religiösen.
– muslimische Jugendliche: 8,7% der nicht religiösen im Vergleich zu 10,2 Prozent der sehr religiösen. Weitere Zahlen sind derzeit nicht zugänglich.

  • Süddeutsche Zeitung: "Die Faus zum Gebet" – 05.06.2010
    "Unabhängig von ihrem sozialen Status pflegen muslimische Jugendliche oft das Bild vom Macho, der auch zuschlagen darf." – mehr
  • beck-blog: Prof. Dr. Henning Ernst Müller: "Muslimische Religiosität und Gewalt – Ergebnisse einer KFN-Studie" – 06.06.2010
    "Dieser Studienteil ist bisher nicht veröffentlicht, weder auf der
    Website des KFN noch auf der Seite des Bundesinnenministeriums (Stand
    5.6.2010, 23.00 Uhr) … Nebenbei gesagt halte ich es für schlechten
    Stil mit Daten an die Presse zu gehen, ohne sie zumindest gleichzeitig
    der wissenschaftlichen Debatte zu öffnen. Sicherlich wird auch dieser
    Teil der Studie bald zur Verfügung gestellt werden, dann aber ist die
    Mediendiskussion voraussichtlich bereits beendet."- mehr
  • Financial Times: "Studie zu jungen Muslimen" – 06.06.2010
    Als Erklärungsansatz ziehen die Autoren Befunde des türkischstämmigen Religionswissenschaftlers Rauf Ceylan heran. Der hatte festgestellt, dass die Mehrheit der Imame in Deutschland, also der muslimischen Geistlichen, den Rückzug in einen konservativen Islam und in die eigene Ethnie fördert. Die meisten Imame seien nur zeitweise in Deutschland … Für sie sei die Dominanz der Männer selbstverständlich. Ihre Lehren förderten entsprechende Einstellungen bei muslimischen Jugendlichen." – mehr
  • Süddeutsche Zeitung: "Was der Imam sagt, das stimmt" – 05.06.2010
    Rauf Ceylan, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Osnabrück, im Interview über Männlichkeitsvorstellungen, die bedeutung von Imamen und die Notwendigkeit der Einführung von islamischem Religionsunterricht  – mehr

Reaktionen

  • ZEIT: "Muslim-Zentralrat: Ursachen für Gewalt analysieren" – 07.06.2010
    "«Es fehlt die seriöse Expertise über die Ursache des Phänomens», sagte der Generalsekretär Aiman Mazyek der «Frankfurter Rundschau» … Manche gewaltbereite Gruppen trügen die Religion als Flagge vor sich her, doch ihre Religiosität sei völlig diffus. Pfeiffer hätte daher klären müssen, was Religion für die Befragten tatsächlich bedeute. «Viele haben gar nichts mit den Glaubensgemeinschaften zu tun»" – mehr
  • evangelisch.de: "Religionswissenschaftler fordert Maßnahmen gegen gewaltbereite Muslime" – 07.06.2010
    "Der islamische Religionswissenschaftler Rauf Ceylan hat angesichts einer neuen Studie über die Gewaltbereitschaft junger Muslime "dringend pädagogische Maßnahmen" gefordert. Die religiöse Bildung für muslimische Kinder müsse verbessert werden" – mehr
  • Evangelischer Pressedienst: "Kirchenpräsident warnt vor Ausgrenzung"
    Hermann Barth, Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) warnt vor verkürzten Schlussfolgerungen und wirbt für eine differenzierte Bewertung der Befunde: "Kurzformeln stünden in der Gefahr ‘schädliches Misstrauen gegen
    alles Muslimische’ sowie pauschale Verdächtigung und Ausgrenzung zu
    verstärken, sagte Barth am Montag dem epd." – mehr

Hintergrund: Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) führt seit
1998  Befragungen von Jugendlichen der neunten Jahrgangsstufe
durch. In verschiedenen Städten und Landkreisen wurde geforscht, um Daten über Ausmaß und Struktur
jugendlicher Kriminalität und Abweichung zu gewinnen.

Im Jahr 2007/2008 wurden 45.000 SchülerInnen der neunten Jahrgangsstufe und 8.000 der vierten Jahrgangsstufe befragt. Dabei ging es um Jugendgewalt und abweichendes Verhalten wie Schuleschwänzen, Drogenkonsum, um Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus, familiäre Gewalt und Männlichkeitsnormen.

Ein erster Forschungsbericht zu den Ergebnissen der Befragung von 2007/2008 ist online veröffentlicht. Der zweite Forschungsbericht, um dessen Ergebnisse es geht, ist noch nicht zugänglich.

  • Mehr Information:
    Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)mehr
    "Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt"
    Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN. 2009.
    PDF-Datei – mehr

 

 

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