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Neues Tätigkeitsfeld Online-Nachhilfe: "Das Entscheidende sind die Schüler"

Dr. Martin van KesselAmerikanische Schülerinnen und Schüler erhalten bereits Nachhilfeunterricht von Tutoren aus Indien. Basis dafür sind moderne Konferenzsysteme, die Austausch und Zusammenarbeit am Bildschirm erlauben. Dr. Martin van Kessel hat das empirisch untersucht: Seinen Ergebnissen zufolge haben solche Methoden große Chancen.

 

 

 

Der Hauptschullehrer Dr. Martin van Kessel promovierte an der Universität Erlangen-Nürnberg im Nebenfach pädagogische Psychologie zum Thema "Optimierungsmöglichkeiten für Nachhilfe" 2004. Das Masterstudium "Educational Media" absolvierte er im März 2009 an der Universität Duisburg-Essen mit der Masterthesis "Offshore-Tutoring – Merkmale und Anforderungen an eine neue Nachhilfeform".

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Jedes dritte bis vierte Kind bekommt Nachhilfe

Herr Dr. van Kessel, Sie sind durch Ihre Forschungen ja inzwischen Fachmann für Online-Nachhilfe. Wie verbreitet ist Nachhilfe denn bei uns?
Nach den Erkenntnissen des Bundesministeriums für Forschung und Bildung (BMFB) nimmt jeder achte bis zehnte Schüler in Deutschland Nachhilfe in Anspruch, in den Sekundarstufen I und II schätzungsweise jeder Vierte.

Besonders verbreitet ist der Zusatzunterricht in den alten Bundesländern: Hier nutzen 25 bis 30 Prozent während der Schullaufbahn den Zusatzunterricht, und zwar vor allem Gymnasiasten und Realschüler. In den neuen Bundesländern sind es nur 11 bis 16 Prozent, überwiegend Hauptschüler. Die meisten Nachhilfeschülerinnen und -schüler sind zwischen 12 und 16 Jahren alt.

Besonders geht es dabei um Mathematik, Englisch und andere Fremdsprachen sowie Deutsch. Besonders an Grund- und Hauptschulen steht Deutsch im Vordergrund, und vor allem Jungen haben hier Bedarf. Die Mädchen suchen mehr Unterstützung in Mathematik.(1)

Und nützt Nachhilfe auch wirklich etwas?
Absolut. Nachhilfeunterricht trägt zu höherer Motivation und Verbesserung von Schulleistungen im Nachhilfefach bei. Dies wurde zum Beispiel durch die umfassende und repräsentative Untersuchungen von Haag belegt.(2) Einen Nachweis dafür liefert auch die jüngst vom Studienkreis initiierte Untersuchung von Jürgens und Diekmann.(3)

Wie Online-Tutoring funktioniert

Schülerin mit HeadsetIhre Masterthesis handelt von Online- und Offshore-Tutoring. Was kann man sich unter diesen neuen Nachhilfeformen vorstellen?
Online-Tutoring ist "Life"-Online-Nachhilfe via Internet. Sie wird mit Hilfe moderner Kommunikations- und Präsentationstools durchgeführt, meist mit einem Konferenzsystem, das die technischen Anwendungen zur Verfügung stellt.

  • Schüler und Lehrer haben ein Headset, ähnlich wie bei Skype, und können so mit einander sprechen.
  • Zusätzlich wird ein so genanntes "virtual shared whiteboard" benutzt, eine Tafel, auf der beide schreiben können. In der Regel verwendet man dafür ein Grafiktablett, denn mit einem Stift schreibt es sich besser als mit der Maus. Diese Tafel nimmt einen Großteil des Bildschirms bei Schüler und Lehrer ein. Hier können dann Aufgaben gemeinsam bearbeitet und gleichzeitig besprochen werden.
  • Im Idealfall haben Schüler und Lehrer auch eine Webcam, so dass sie sich gegenseitig sehen können. Hilfreich ist zusätzlich ein Chatmodul, das in den gängigen Konferenzsystemen integriert ist.

Von "Offshore-Tutoring" spricht man, wenn Nachhilfe "Übersee" stattfindet, wenn sich also Schüler und Lehrer über Kontinente hinweg treffen. Gerade in den USA ist Offshore-Tutoring in den letzten vier Jahren sehr populär geworden: Amerikanische Schüler bekommen von indischen Nachhilfeunternehmen Unterricht. Dies betrifft gerade Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer. Auf der Internetseite des größten amerikanischen Offshore- und Online-Nachhilfeunternehmens www.tutorvista.com befindet sich ein Videoclip, der diese Praxis anschaulich darstellt.

Indische Nachhilfe für amerikanische Kinder – mit Flatrate für die ganze Familie

Das ist ja interessant! Wie sind die Tutorinnen und Tutoren denn ausgebildet, können die das? Und was kostet so etwas?
Die fachlichen Kenntnisse sind bei den bekannten und scheinbar seriösen Unternehmen meist sehr gut: Viele Anbieter verlangen, dass ihre TutorInnen einen akademischen Abschluss nachweisen. Und bevor sie mit dem Online-Unterricht beginnen, erhalten sie eine Schulung, bei der es auch um soziokulturelle und sprachliche Unterschiede geht.

Die Kosten für die Eltern der NachhilfeschülerInnnen belaufen sich auf ca. 100 US-Dollar pro Monat. Es gibt auch eine Flatrate, bei der alle Kinder einer Familie Nachhilfe erhalten können, z.B. bei Tutorvista.com oder growingstars.com.
Einheimische US-Nachhilfelehrer können mit diesen Preisen und der Dienstleistungsqualität kaum konkurrieren. Übrigens: Interessant wird es, wenn man den Gedanken fortspinnt, und sich fragt, ob sich bestimmte Unterrichtsfächer des regulären Unterrichts aus Kostengründen "outsourcen" lassen …

Auf jeden Fall: Wenn wir bedenken, dass bei uns viele Schülerinnen und Schüler – gerade auf dem Land – zum Teil recht weit zum Nachhilfeunterricht fahren, dann wäre Online-Nachhilfe sicherlich eine überlegenswerte Alternative zu herkömmlicher Nachhilfe. Denn so lassen sich Fahrkosten, Fahrzeit und der organisatorische Aufwand deutlich vereinfachen.

Potenzial und Schwachstellen von Online-Nachhilfe untersuchen

Und was haben Sie nun genau für Ihre Arbeit untersucht?
Ich wollte herausarbeiten, welches Potenzial Online-Nachhilfe hat und wie man es am sinnvollsten nutzen kann. Wenn sich Online-Nachhilfe in Deutschland verbreitet, bieten meine Forschungsergebnisse Orientierung für die Konzeption eines professionellen und erfolgreichen Angebots und für die Schulung von kompetenten Nachhilfekräften.

Basis der Untersuchung war ein Experiment, bei dem Studenten aus Erlangen Schülerinnen und Schülern einer Hauptschule in Lindau und einem Gymnasium in Hohenschwangau Online-Nachhilfe gaben. Die technische Infrastruktur entsprach dem Offshore-Modell nach indisch-amerikanischem Vorbild. Dafür stellte die Universität Duisburg-Essen ihr Konferenzsystem Adobe Connect zur Verfügung. Alle Beteiligten erhielten ein Grafiktablett und ein Headset.

Von zwölf Lehrer- /Schülerpaaren wurden jeweils drei Nachhilfestunden per Screencorder aufgezeichnet. Das ist ein Programm, mit dem alle Bildschirm- und Audioaktivitäten aufzeichnet wurden, sodass, ähnlich wie bei Videoaufzeichnungen, digitalisierte Filme der gesamten Nachhilfestunden zur Verfügung standen.
Das Material habe ich danach quantitativ ausgewertet: Alle fünf Minuten wurde der Film angehalten und die folgenden pädagogischen Determinanten bewertet:

  • genutzte Lernzeit – "time on task" – also ob es beim Austausch um die Unterrichtsinhalte ging
  • ob Grund- und Vorwissen einbezogen und gefestigt wurden
  • ob selbst kontrolliertes Lernen gefördert wurde
  • inwieweit Lernstrategien vermittelt wurden
  • und ob individuelle Lernfortschritte gewürdigt wurden (individuelle Bezugsnormierung).

Diese Werte wurden auf einem Bewertungsbogen eingetragen und mit einem Statistikprogramm ausgewertet.

Manche Kriterien lassen sich nur schwer in Zahlen erfassen, z.B. die Übertragung der Inhalte auf das Whiteboard, die Mediennutzung, die Lehrersprache und die Instruktionsanweisungen. Deshalb wurden alle Filmsequenzen nach diesen Kriterien noch einmal analysiert.

Online-Nachhilfe mit großen Chancen

Und welche Erkenntnisse ergab diese aufwändige Analyse?
Insbesondere traten zwei Stärken der Online-Nachhilfe hervor:

  • Dadurch dass sich sämtliche Lehr/Lernaktivitäten auf dem Bildschirm abspielen, gibt es wenig Ablenkung von außen. Die genutzte Lernzeit wird kaum durch Nebensächlichkeiten gestört. Online-Nachhilfe kann also eine hohe Effizienz bieten.
  • Gleichzeitig gehen die Unterrichtenden stärker auf die SchülerInnen ein und spiegeln ihre Fortschritte. Damit wird die individuelle Bezugsnormorientierung stärker berücksichtigt. Das ist sehr positiv, denn detaillierte Rückmeldungen über Lernzuwächse und Schwankungen sind gerade für schwächere Jugendliche wichtig und motivierend. So können sie Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten aufbauen.

Zwei Merkposten wurden gleichzeitig deutlich:

  • Je enger sich der Nachhilfeunterricht am Unterricht orientiert, umso effizienter ist er. Ein Tutor sollte sich daher rechtzeitig vor der Nachhilfestunde über die anstehenden Inhalte informieren und am besten mit dem im Unterricht benutzten Lehrbuch arbeiten.
    Gerade unerfahrene Nachhilfelehrer tun sich eher schwer, schülergerechte Aufgaben zu improvisieren und sind deshalb gut beraten, wenn sie sich an den schulischen Lehrwerken orientieren.
  • Das Whiteboard, das zur Veranschaulichung dient, ist nicht für alle Unterrichtsinhalte gleich gut geeignet. Hier ist eine gute Vorbereitung entscheidend.
    Ein Beispiel aus der Geometrie: Volumen und Oberflächenberechnungen von Spitzkörpern. Eine Freihandzeichnungen einer Pyramide während der Nachhilfestunde auf dem Grafiktablett spontan zu erstellen, dauert relativ lange. Die Zeichnung ist wenig anschaulich und misslingt leicht, vor allem, wenn weitere Zahlen und Größenzusammenhänge (Satz des Pythagoras) einbezogen werden sollen.
    Wenn man stattdessen vorher solch eine Zeichnungen erstellt und als Bilddatei bereit hält, kann man die gewünschten Inhalte gut darstellen und erklären.

Gerade weil die technische Infrastruktur mit den Möglichkeiten und Grenzen des Konferenzsystems den Rahmen setzt, ist die Vorbereitung maßgebend.

Online-Nachhilfelehrer brauchen zusätzliche Kompetenzen

Worauf gilt es nun zu achten, wenn man Online-Nachhilfe geben oder nutzen möchte?
Wer Online-Nachhilfe anbieten will, sollte sich sorgfältig mit den zur Verfügung stehenden Konferenzsystemen beschäftigen. Angebote müssen auf Stabilität getestet werden, schnelle Bandbreiten (DSL-Anschluss) sind erforderlich. Denn sämtliches pädagogisches und didaktisches Vermögen nützt nichts, wenn die Technik nicht stimmt.

Wer Online-Nachhilfe geben möchte, sollte außerdem Kompetenzen im Bereich mit Online-Tutoring und Online-Trainingsmethoden besitzen. Der Erfolg von E-Learning (und dazu gehört auch Online-Nachhilfe) hängt im Wesentlichen von der Betreuung der Teilnehmer ab.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Zielgruppe das Entscheidende ist: Wir haben es zumeist mit Schülern zu tun, die aufgrund ständiger Misserfolge demotiviert sind, die die Lust am Lernen verloren haben. Umso wichtiger ist es, ihnen aufzuzeigen, wenn sie etwas können, ihre individuellen Leistungsfortschritte aufzuzeigen, damit sie wieder ein gesundes Selbstbewusstsein bekommen.

Deshalb treten neben die eigentliche Nachhilfe und die technischen Betreuung auch Kontaktpflege und Organisation. Es gilt, eine positive Arbeitsatmosphäre im Online-Austausch aufzubauen, Termine zu vereinbaren und die aktuellen Lerninhalte zugänglich zu machen, damit die Online-Zusammenarbeit eine tragfähige Basis bekommt.

Wenn Eltern solche Angebote in Erwägung ziehen, sollten sie sich informieren und fragen:

  • Welche Referenzen kann eine Online-Lehrkraft / das Unternehmen nachweisen? Und zwar geht es dabei um fachliche, pädagogisch-didaktische und teletutorielle Kompetenzen.
  • Existiert eine Zertifizierung?
  • Bietet das Unternehmen Probestunden an?
  • Wie lange ist die Vertragsbindung?

Konzepte zur Umsetzung in Schule und Unterricht: Schüler als Online-Tutoren

rpi-virtuell ist eine Lernplattform, die in virtuellen Klassenzimmern Zusammenarbeit ermöglicht. Gibt es Instrumente, die Sie hier für besonders hilfreich oder wichtig halten?
Aufgaben zum Selbststudium halte ich für sehr hilfreich, wenn es um nachhaltige "Hilfe zur Selbsthilfe" und die Stärkung des selbst organisierten Lernens geht. Am besten gekoppelt mit Lerntagebüchern, die dazu anregen, das eigene Lernen zu reflektieren und aktiv zu gestalten. Solche Materialien können online bereit gestellt werden.
Bekommt ein Schüler zusätzlich Nachhilfeunterricht, können seine Ergebnisse und Einträge mit dem Tutor bearbeitet und besprochen werden. So wird die Lernkompetenz Schritt für Schritt aufgebaut.

Sie sind Hauptschullehrer. Inwieweit können Sie Ihre Erkenntnisse hier umsetzen?
An meiner Dienststelle, der Hauptschule Lindenberg in der Nähe von Lindau am Bodensee, besteht ein äußerst offenes und progressives Klima. Zusammen mit meinem Schulleiter, Gerhard Hoffmann, erarbeite ich ein Konzept, bei dem unsere leistungsstarken Schülerinnen und Schüler zu jungen Online-Tutoren ausgebildet werden sollen, damit sie für eine angemessene Belohnung unseren schwächeren Jungen und Mädchen Online-Nachhilfe geben können.
Dieses Pilot-Projekt könnte wegweisend für weitere Schulen sein, und lässt sich gut in die Hauptschulinitiative einordnen.

Wer sich für die Themen Nachhilfe und Online-Nachhilfe interessiert, kann sich gerne an mich wenden. Auf meiner Internetpräsenz www.online-tutoring.net bereite ich derzeit ein professionelles, seriöses und unabhängiges Angebot zur Nachhilfeberatung für Eltern, Lehrende und kommerzielle Unternehmen vor.

Das Interview führte Julia Born.
  •  Interview als PDF-Datei: mehr

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  • Frankfurter Rundschau: "Das Geschäft mit den Noten"
    "Fast jeder zweite Gymnasiast in der Mittelstufe (5. bis 10. Klasse)
    nimmt Nachhilfe. Das geht aus dem neusten Bildungsbarometer des
    Zentrums für empirische pädagogische Forschung (Zepf) an der Uni
    Koblenz-Landau hervor, die der FR vorliegt. Demnach versuchen Eltern
    offenbar vor allem rund um die Pubertätsphase, mit außerschulischen
    Lehrern nachzuhelfen." – mehr
  • Zentrum für empirische
    pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau: Bildungsbarometer

    "In 90 Prozent der Fälle wird dem Nachhilfeunterricht ein positiver
    Effekte bescheinigt. Dabei verbessern sich über 90 Prozent der Schüler
    um ein bis zwei Notenstufen. Dies sind zwei zentrale Ergebnisse des
    neuesten Bildungsbarometers zur Nachhilfe." PDF-Datei – mehr

Quellen
(1) Bundesministerium für Bildung und Forschung: Fragen und Antworten zum Thema Nachhilfe. 05.05.2008 [12.05.09]
http://www.bmbf.de/press/2289.php
(2) Haag, L. (2001). Hält Nachhilfeunterricht, was er verspricht? Eine Evaluierungsstudie. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 15, 38-44.
(3) Jürgens, E & Diekmann, M. (2007). Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Nachhilfeunterricht. Peter Lang Verlagsgruppe.