In der KircheDeutschland ist weder weitgehend säkularisiert noch ist der Glaube vom Aussterben bedroht. Die jüngere Generation unterscheidet sich in ihren Einstellungen kaum von ihren Eltern. Wer religiös angesprochen wird, antwortet religiös – und zeigt dabei erstaunliche religiöse Kompetenz. So die Ergebnisse des Religionsmonitors, einer großen, weltweit angelegten Untersuchung.

 

 

 

I. "Deutschland – (k)ein Land der Gottlosen?" Ergebnisse im Überblick
II. "Erstaunliche religiöse Kompetenz" – Erkenntnisse aus Interviews
III. Hintergrund: Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung

GipfelkreuzI. "Deutschland – (k)ein Land der Gottlosen?"
Ergebnisse im Überblick

Multidimensionalen Religionsbegriff
Die Umfrage orientiert sich an einem multidimensionalen Religionsbegriff. Gefragt wird nach dem Interesse an religiösen Themen, den Glaubensvorstellungen, den persönlichen Erfahrungen und der öffentlichen und privaten religiöse Praxis, sowie nach den Konsequenzen, die die individuellen Einstellungen für das Leben haben.

70% der Deutschen religiös
Nach diesem Instrument können über die Hälfte der Deutschen als "durchschnittlich religiös" eingestuft werden und fast jeder fünfte als "hochreligiös".
Auch von den 30 Prozent, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, sind immerhin ein Drittel als religiös einzustufen.

Kein massiver Traditionsabbruch
Aus den Daten kann auch "eindeutig gefolgert werden, dass es in Deutschland in Fragen der Religion und des Glaubens keinen massiven Traditionsbruch zwischen Eltern und Kindern gibt. Im Gegenteil ist die jüngste Generation in manchen Aspekten viel engagierter und weniger skeptisch als die älteren Gläubigen.

Bestätigt werden kann aber auch nicht die viel beschworene Renaissance der Religion unter den Jüngeren, die gelegentlich hoffnungsvoll beschworen wird. Vielmehr unterscheiden sich die Jungen weder in der einen noch in der anderen Richtung kaum von ihren Eltern." (s.u. S. 6)
"Das Christentum ist in den vergangenen 15 Jahren nicht stärker geworden, aber auch nicht schwächer." (S. 9)

Sind Ältere frommer?
Die Untersuchung zeigt, dass über 60-Jährige häufiger den Gottesdienst besuchen, eher beten und dass ihr Interesse an religiösen Themen durchschnittlich ausgeprägter ist als bei den Jüngeren. Doch gleichzeitig wächst bei ihnen offensichtlich auch die Skepsis in religiösen Angelegenheiten.

"Mehr als jeder Dritte (37%) glaubt, dass es kein Leben nach dem Tod
geben wird. Bei den unter 30jährigen sind dies mit 19% deutlich weniger. Und gerade unter den Alten sagen drei- bis viermal so viele ‘Das Leben hat meiner Meinung nach wenig Sinn’. Fast jeder Fünfte (18%) kommt jenseits des 60. Geburtstages zu dieser hoffnungslosen Einschätzung." (S. 6)

Religiöses Weltbild in Deuschland weit verbreitet
"Unter den Menschen in Deutschland ist ein religiöses Weltbild weit verbreitet, bei einer relativ großen Minderheit von hochreligiösen Menschen ist dieses Weltbild und ihr Glauben sogar in hohem Maße identitätsstiftend und persönlichkeitsbildend.
Diese religiöse Orientierung ist durchaus stärker verbreitet und intensiver, als dies im Alltagsbewusstsein und in den Lebensbekundungen der Menschen deutlich wird."(S. 9)

Gleichzeitig relativiert sich aber die Bedeutung der Religion im Vergleich zu anderen Lebensfragen. Ehe und Familie, Bildung, Arbeit und Beruf, Freizeit und Politik haben für die Befragten Vorrang gegenüber Religion. 

Ergebnisse im Vergleich
Insbesondere die Ergebnisse in Westdeutschland entsprechen in hohem Maße denen in Österreich und der Schweiz.
In Russland wurde weltweit die geringste Anzahl an religiös geprägten Menschen verzeichnet, dort sind nur etwa die Hälfte als religiös einzustufen.

Ganz anders in den Vereinigten Staaten. "Hier kann man 89% der Bevölkerung als religiös bezeichnen und 62% sogar als hochreligiös, der eindeutige
Spitzenwert in der gesamten westlichen Hemisphäre."
In Indien erklärte sich nur 1% der Bevölkerung als nichtgläubig. "Und das Land, in dem Gott scheinbar zu Hause ist, ist danach das schwarzafrikanische Nigeria. Hier, wo etwa zur Hälfte Christen und zur anderen Hälfte Moslems leben, registriert der Religionsmonitor nicht weniger als 92% Hochreligiöse." (S. 9)   

  • "Deutschland – (k)ein Land der Gottlosen?"
    Religionsmonitor Deutschland. Ergebnisse im Überblick. PDF-Datei – mehr

 

GipfelkreuzII. Erstaunliche religiöse Kompetenz.
Qualitative Ergebnisse

Die Untersuchung wurde ergänzt durch 49 vertiefte Interviews mit Personen sowohl im urbanen als auch im ländlichen Raum. Die Auswertung kommt zu überraschenden und interessanten Ergebnissen.

Erstaunliche religiöse Kompetenz
In den Interviews kommt eine erstaunliche religiöse Kompetenz zum Ausdruck. "Das Material zeugt weder von einer säkularisierten Gesellschaft, noch zeugt es davon, dass den Menschen die religiöse Formensprache abhanden gekommen ist."

Der Bericht stellt eine "geradezu flächendeckende Vertrautheit mit religiösen Fragestellungen beziehungsweise religiösen Formen gibt. Völliges Unverständnis ist die absolute Ausnahme." (S. 126)

Religiöses Sprechen orientiert sich an der authentischen Rede
Religiöses Sprechen ist nur sehr begrenzt durch Mitgliedschaft beziehungsweise kirchlich-religiöse Praxis bestimmt, sondern vor allem am eigenen Erleben orientiert. Religiöse Inhalte müssen nicht mehr reflexiv, intellektuell oder konfessionell zusammenpassen, sondern sie werden durch den authentischen Vortrag plausibel.

Es herrscht das Bemühen, das "zeitlich, sachlich und sozial differenzierte, inkonsistente und bisweilen unbegreifliche Leben als eine Einheit darstellen zu können. Darin bleibt die Thematisierung des Religiösen durchaus einer traditionellen Form verpflichtet, nämlich der Herstellung von Ganzheit, von Transzendenz im durchaus substanziellen Sinne." (S 122)

"Wer religiös angesprochen wird, antwortet religiös."
Es gilt: "Wer religiös angesprochen wird, antwortet religiös." Auch Nichtreligiöse sprechen gewissermaßen mit ‘authentischer Attitüde’, wenn sie auf ihre Religiosität angesprochen werden. Das zeigt, "dass religiöse Erwartungsstile in der Gesellschaft präsent sind. Also auch die kommunikative Begründung, selbst auf Religiosität zu verzichten, wird gewissermaßen von jenem religiösen Erwartungsstil infiziert." (S. 122)

Das erfordert gleichzeitig einen sozialen Rahmen: "Religiosität ist in der Tat ein soziales Phänomen, sie gedeiht dort, wo religiöse Erfahrung kommunizierbar wird, wo sie anschlussfähig werden kann und wo sich ein sozialer Rahmen dafür findet." (S. 129)

Glauben und Kirche
"Organisationen bündeln die ökonomischen und politischen Aktivitäten
einer Gesellschaft. Und Ähnliches leisten Kirchen für die Religion." (S. 130)
"Das Prekäre für die Kirchen freilich – das legen unsere Ergebnisse nahe – besteht darin, dass … sich besonders intensives Erleben und Handeln im Bereich des Religiösen dem Zugriff der Organisationen wenn nicht entzieht, dann zumindest sich distanziert dazu verhält." (S. 130)
Denn besonders religöse Gesprächspartner beschreiben gleichzeitig eine innere Distanz zur kirchlichen Praxis, wobei sie diese jedoch nicht ablehnen.

Kritik daran, dass die Kirchen sich nicht nur mit religiösen Themen beschäftigen, sondern als politische Akteure auftreten, übten besonders Personen mit sehr konkreten Glaubenserfahrungen. "Womöglich machen sich die Kirchen – zumindest nach diesen Ergebnissen – mit all dem, womit sie sich als in der Gesellschaft präsente Akteure darstellen wollen (Kirchentage mit großem Programm, politische Stellungnahmen usw.), für die religiösen Mitglieder am wenigstens glaubwürdig." (S. 124)

Verhältnis zu anderen Religionen
"Die überwiegende Mehrheit aber ringt geradezu darum, keiner anderen Religion das Recht auf ihre authentischen Erfahrungen abzusprechen … Religiöse
Formen werden stets als eine Möglichkeit unter anderen präsentiert – und diese Möglichkeiten scheinen sich tendenziell auf gleicher Augenhöhe zu begegnen. So wird nicht selten eingeräumt, dass andere Möglichkeiten genauso gut seien, und so werden dann auch sich ausschließende Inhalte miteinander kombinierbar." (S. 125)

Religiosität setzt an der Lebensführung an
Immer wieder werden die Begriffe Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Verantwortung und Toleranz benannt als das, was die meisten Interviewpartner "als das Ergebnis gelungener Religiosität betrachten. Das gilt übrigens auch für die Nichtreligiösen.

Die erstaunliche Folge der Kulturalisierung religiöser Inhalte sowie der Kommensurabilität aller Inhalte ist eine geradezu kulturübergreifende Idee von Religiosität, die tatsächlich an der Lebensführung ansetzt: ein integres Leben zu leben und zum Gemeinsinn beizutragen; und dies ist auch das, was die Nichtreligiösen von der Religion erwarten – und von sich selbst auch!" (S. 126)

Religiöse Erziehung von Bedeutung
Der entscheidende Prädikator für die Bedeutung von Religion und Religiosität im Erwachsenenalter scheint eine religiöse Erziehung zu sein: "Nahezu flächendeckend korrespondiert hohe Religiosität mit einer intensiven religiösen Sozialisation im Kindesalter und in der Herkunftsfamilie – und auch wenn Personen erst im Erwachsenenalter zu einer intensiven religiösen Praxis finden, geht das stets mit Kindheitserfahrungen mit Religion einher." (S. 127)

  • Arnim Nassehi: "Erstaunliche religiöse Kompetenz"
    Religionsmonitor 2008: Qualitative Ergebnisse. PDF-Datei – mehr


GipfelkreuzIII. Hintergrund:
Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung

21.000 Personen in 21 Ländern haben 2007 die rund 100 Fragen des
Religionsmonitors der Bertelsmann Stiftung beantwortet. Als Ergänzung
und Vertiefung wurden zusätzlich Interviews geführt. Die Befragung wird
in regelmäßigen Abständen wiederholt, um Entwicklungen sichtbar zu
machen.

Auf der Internetseite des Religionsmonitors stehen Ergebnisse und Zusammenfassungen zum Herunterladen bereit.

Weiterlesen

  • Reinhard Kirste: Information und ausführlicher Kommentar
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Kategorien: News