Stefanie Weinmann"Geschlechtergerechter Unterricht ", so die Religionspädagogin Stefanie Weinmann, "heißt Mädchen und Jungen bestmöglich fördern." Im Blick ist dabei nicht das Geschlecht, sondern die individuelle Persönlichkeit. Im Interview mit rpi-virtuell erläutert sie, welche Konsequenzen das für den RU hat.

Stefanie
Weinmann hat Religionspädagogik an der evangelischen Fachhochschule
Reutlingen-Ludwigsburg studiert und diesen Studiengang im Sommer 2007
abgeschlossen. In ihrer Hausarbeit im Rahmen des
Religionspädagogikstudiums beschäftigte sie sich mit dem Thema geschlechtergerechte Religionspädagogik. Zur Zeit studiert sie
Sozialpädagogik als Aufbaustudium.

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Ermutigen zum eigenen Weg 

Frau Weinmann, Sie haben sich in Ihrer Hausarbeit mit geschlechtergerechtem Unterricht beschäftigt. Was sollen wir uns darunter vorstellen?
Geschlechtergerechter
Unterricht will Mädchen und Jungen in ihrer jeweiligen Eigenart und
ihrer Unterschiedlichkeit bestmöglich fördern. Er zielt nicht auf das
Geschlecht, sondern auf das Individuum, und will dazu beitragen, dass
die Heranwachsenden ihre Identität möglichst unabhängig von bestehenden
Klischees und Rollen finden.

Wer geschlechterorientiert arbeitet, hat also eine aufmerksame
Wahrnehmung für Mädchen und Jungen und ermutigt sie, sie selbst zu sein
und ihren eigenen Weg zu finden. Für diejenigen, die auf Grund von
geschlechtsbezogenen Zuschreibungen an den Rand gedrängt werden,
verhält er oder sie sich parteilich, wie es Thorsten Knauth in seinem
Interview bei rpi-virtuell formuliert.(1)

Jungen und Mädchen entwickeln unterschiedliche Gottesbilder 

Und was hat das speziell mit dem Fach Religion zu tun?
Jungen
und Mädchen durchlaufen eine unterschiedliche religiöse Sozialisation
und entwickeln unterschiedliche Gottesbilder. Mädchen malen Gott
beispielsweise Gott meist männlich, teilweise aber auch weiblich. Bei
Jungen erscheint Gott ausschließlich männlich.

Das Gottesbild
hängt eng zusammen mit den Geschlechtsrollenbildern, es entsteht
zunächst aus der Identifikation mit den Eltern. Nach Renate Hofmann(2) betonen
Mädchen beim Gottesbild die persönliche Beziehung zu Gott und seine
Nähe. Jungen ist vor allem die Allmacht Gottes wichtig, seine Hilfe und
sein Schutz.

Ein weiterer Einfluss auf das Gottesbild sind die
Erfahrungen mit biblischen Texten. Die meisten in der Bibel
überlieferten und in unserer Liturgie gebräuchlichen
Gottesbezeichnungen sind männlich. Damit bieten sie für Männer eher
Identifikationsmöglichkeiten als für Frauen.

Geschlechtergerechtigkeit: Betrifft Inhalte, Methoden und Materialien

Und wie lässt sich nun im Unterricht darauf entsprechend eingehen?
Ich
habe im Handlungsfeld Unterricht die zentralen Faktoren Inhalte,
Methoden, Material und Lehrperson untersucht und jeweils mögliche
Vorgehensweisen herausgearbeitet.

  • Inhalte
    "Mit einem nur männlich gedachten Gott mit lauter männlichen Freunden können Mädchen wenig anfangen", sagt Karla Wessel.(3)
    Dem kann ich nicht hundertprozentig zustimmen, dennoch halte ich es,
    wie Renate Hofmann für wichtig, dass die "Erkenntnisse zum
    geschlechtsspezifischen Gottesbild … in die religionspädagogische
    Praxis dahingehend einfließen, dass Gott nicht auf ein Geschlecht
    festgelegt werden darf."(2)

    Nichtmenschliche Gottesbilder wie
    Begriffe aus der Natur (Quelle, Sonne, …) ermöglichen es den
    Lernenden, neue Zugänge zu finden. Männliche Gottesbilder sollten im
    Unterricht mit weiblichen bereichert werden. Eine Anreicherung des
    Gottesbildes um die weibliche Seite wertet auch wiederum das weibliche
    Rollenbild auf und öffnet neue Sichtweisen und Möglichkeiten.

    Biblische
    Ereignisse finden in einer patriarchalen Gesellschaft statt. Auch das
    gilt es einzubeziehen und hermeneutisch aufzuarbeiten. Wenn biblische
    Texte behandelt werden, sollten nach Möglichkeit in diesen Texten
    Frauen ebenso eine Rolle spielen wie Männer.

  • Material
    In
    Lehrplänen und Richtlinien, in Büchern und Materialien für den RU sind
    Mädchen und Frauen oft noch unterrepräsentiert bzw. in stereotypen
    Rollen dargestellt. Hier sollten biblische und andere Frauengestalten
    sowie unterschiedliche Frauenrealitäten sichtbar werden.

    Die
    meisten Lehr- oder Bildungspläne räumen den Unterrichtenden
    ausdrücklich Freiräume ein. Diese sollten die Lehrkräfte auch nutzen
    und eine "Männerlastigkeit" durch eigene Schwerpunktsetzungen
    kompensieren.

  • Methoden
    Schülerinnen und Schüler sind Individuen. Sie bringen unterschiedliche
    Interessen, Stärken und Lernpräferenzen ein. Guter Unterricht nimmt
    diese auf und bedient immer unterschiedliche Lernkanäle.
    Sehr hilfreich ist generell eine klare Unterrichtsstruktur, die
    Orientierung bietet, sowie die Möglichkeit, zu erforschen und zu
    experimentieren.

    Viele Pädagoginnen und Pädagogen bemühen
    sich bereits darum, körperorientiert zu arbeiten, machen
    Wahrnehmungsübungen, spielen pantomimisch oder szenisch verschiedene
    Geschichten mit den Schülern und Schülerinnen. Dies ist auch ein
    wertvoller Schritt zu einem ganzheitlichen Bildungsverständnis, denn
    Lernen geschieht, wie wir wissen, nicht nur kognitiv.
    Aus meiner Sicht könnte es im RU auch gerne noch "lauter" und "wilder"
    zugehen. Erfahrungsbezogenes Lernen darf ruhig mehr sein als
    "Kuschel-Klub-Gefühl".

  • Reflektion der Lehrenden
    Unterrichtende
    sollten sich bewusst werden, dass sie selbst als Mann oder Frau
    sozialisiert wurden und dass dies vermutlich ihr eigenes Verhalten
    gegenüber Mädchen und Jungen beeinflusst.
    Bereits in der Ausbildung
    sollte daran gearbeitet werden, eigene "Rollenmuster und
    -sozialisationen zu erkennen, kritisch zu hinterfragen und – wenn
    notwendig und möglich – zu verändern."(4)
  • Mehr Männer im Lehrberuf!?
    Schüler,
    die bei einer Untersuchung nach Vorbildern gefragt wurden, nannten
    ausschließlich männliche Personen. Schülerinnen nannten vor allem
    weibliche, daneben teils auch männliche Personen.
    Die starke Orientierung der Jungen an männlichen Vorbildern gibt zu denken.
    Welche
    Schlussfolgerungen lassen sich ziehen aus der Tatsache, dass Jungen
    augenscheinliche keine Frauen als Vorbilder wählen und für ihre
    Identitätsfindung auf männliche Rollenvorbilder angewiesen sind?

    Wünschenswert
    wäre, wieder mehr Männer im Lehrerberuf zu finden, besonders in den
    Grundschulen, wo zum größten Teil Lehrerinnen unterrichten.
    Perfekt wäre vermutlich der Unterricht im Zweierteam (männlich/weiblich
    gemischt), so dass die Schülerinnen und Schüler beide in der
    Interaktion miteinander beobachten können und dabei lernen. Diese
    Zweierteams könnten sich dann immer wieder auch aufteilen und den
    gleichgeschlechtlichen Teil der Klasse betreuen.
    Dieser Wunsch
    ist relativ utopisch. Dennoch besteht die Möglichkeit für eine
    Lehrerin, z.B. mit einem katholischen Kollegen zu kooperieren oder
    immer wieder Frauen und Männer als Fachleute für bestimmte Themen in
    den Unterricht einzuladen.

 

Lehrkräfte haben zentrale Bedeutung

Was wollen Sie uns zum Abschluss noch auf den Weg geben?
Geschlechtergerechter
Religionsunterricht beginnt im Kopf der Lehrenden. Sie müssen bereit
sein, sich selbst, ihre Einstellungen und ihr Verhalten immer wieder
kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern.

Zur Chancengleichheit von Mädchen und Jungen in Ihrem Unterricht möchte ich Ihnen folgende Anregungen(5) mitgeben:

  • Machen Sie sich bewusst: Ich unterrichte als Frau oder Mann.
  • Machen Sie sich bewusst: Ich unterrichte Mädchen und Jungen!
  • Entwickeln Sie offene Unterrichtsformen, die Eigenständigkeit und soziales Lernen fördern.
  • Verwenden und entwickeln Sie geschlechtergerechten Unterrichtsmaterialien.
  • Realisieren Sie den Anspruch auf Gleichrangigkeit in unserer Gesellschaft eventuell auch durch eine geschlechtergerechte Sprache.
  • Fördern Sie Selbstwertgefühl von Mädchen und Jungen.
  • Ermöglichen Sie repressionsfreie Lernräumen in Schule und
    Gemeinde, damit Mädchen sich ihrer Stärke und Fähigkeiten bewusst
    werden und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen lernen 
  • Bieten Sie themenbezogen geschlechtergetrennte Lernmöglichkeiten an.

Lehrerinnen und Lehrer spielen eine zentrale Rolle: Faktoren wie die
Unterrichtsinhalte, Methoden und Materialien haben großen Einfluss. Sie
werden aber zu einem sehr großen Teil von der Lehrperson selbst
ausgewählt.
Ich möchte Kolleginnen und Kollegen ermutigen, diese Freiräume im Sinne eines geschlechtergerechten Unterrichtsbewusst zu nutzen.

Das Interview führte Julia Born.



Weiterlesen

  • Das ganze Interview als PDF-Datei: mehr
  • "Arme Jungs oder kleine Machos?
    Die Lebenswelten von Jungen als religionspädagogische Herausforderung"
    Vortrag von Annebelle Pithan an der Universität Tübingen, 27.6.2007- mehr
  • "Geschlechtergerechtigkeit: Pädagogik der Vielfalt"
    Interview mit Thorsten Knauth bei rpi-virtuell – mehr
  • Renate Hofmann: "Frauenbildung – Männerbildung – Menschenbildung.
    Gender-Unterschiede als Voraussetzung religiöser Grundbildung"
    in: Theoweb 2003/2 – mehr
  • Alpika AG Frauen in Schule und Gemeinde: "Gerechtigkeit für Mädchen und Frauen. Perspektiven für eine geschlechtergerechte Religionspädagogik" 1998, PDF-Datei – mehr
  • rpi-Wiki: Geschlechtergerechtigkeit
    Lesetipps und Materialien – mehr

Anmerkungen
(1) Julia Born: Geschlechtergerechtigkeit: Pädagogik der Vielfalt.
Interview mit Thorsten Knauth. rpi-virtuell. 09/2007 – mehr [07.12.2007].
(2) Renate Hofmann: Frauenbildung – Männerbildung – Menschenbildung.
Gender-Unterschiede als Voraussetzung religiöser Grundbildung. S. 152. In: Theoweb, 2. Jahrgang 2003, Heft 2 – mehr  [15.11.2007].
(3) Hoffmann, Renate: Geschlechtergerecht denken und leben lernen. Lit-Verlag, 2003. S. 74.
(4) Karla Wessel: Du Gott, meine Freundin!, In: Ahrens, Sabine ;
Pithan, Annebelle (Hg.). KU – weil ich ein Mädchen bin. Gütersloher
Verl.-Haus, 1999. S. 48.
(5) Alpika-AG Frauen in Schule und Gemeinde: Gerechtigkeit für Mädchen und Frauen, 1998. S. 4, 8 – mehr [06.12.2007].

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